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Female Voices: Sophie Mathes, Künstlermanagerin

Für Teil IV unserer Interviewreihe haben wir fünf Fragen an Sophie Mathes gestellt, ihres Zeichens Künstler-Managerin bei Pennywine Entertainment (u. a. von Mine) und Produktmanagerin beim Universal-Label Caroline International.

 

1. Sophie, der Beruf Musik- oder Artist-Manager ruft bei manchen immer noch Bilder wie aus schlechten 80er-Jahre-Filmen hervor, dem goldenen Zeitalter der CD, wo Plattenbosse sich mit Hundertmarkscheinen die Zigarren anzündeten. Welche lustigen Klischees begegnen dir hin und wieder von Leuten, die nicht viel von der Branche wissen? Und wie sieht dein Alltag tatsächlich aus?

Ach, in der Regel können sich die meisten überhaupt nicht vorstellen, was ich so mache. Die meisten haben gar keine Vorstellung davon, dass “Etwas mit Musik” überhaupt ein richtiger Job sein kann. Das reicht von “Aha, und hörst du dann den ganzen Tag CDs?“ bis zu “Und du wirst dann die Nachfolgerin von Dieter Bohlen, oder wie?“. Andere denken, ich lebe den Jetset-Lifestyle, trinke den ganzen Tag Schampus mit irgendwelchen Promis und dass “arbeiten” in unserer Branche sowie ein Fremdwort ist.

In Wirklichkeit ist es so, dass ich im Prinzip jeden Tag etwas anderes mache – aber davon eine ganze Menge. Als Schnittstelle zu unseren Künstler*innen kommunizieren wir mit jedem, der etwas von ihnen will. Als Managerin agiere ich als Sprachrohr des Künstlers und bin quasi ein Knotenpunkt zu allen Businessbereichen, die meine Künstler tangieren. Wir verhandeln Verträge, akquirieren neue “Geschäftspartner”, kümmern uns um Logistik & Reisen, erstellen Kreativkonzepte, kümmern uns um Rechtelizensierung, machen Jahrespläne, organisieren Tourneen, Promo, Marketingkampagnen, erstellen und verwalten neuen Merch, koordinieren den Produktkatalog der Künstler, produzieren Videos, rechnen ab, kümmern uns um die Verwertungsgesellschaften und so weiter. Das Ganze wird ummantelt vom großen Begriff “Netzwerkpflege” – wir reden jeden Tag mit vielen verschiedenen Menschen aus den verschiedensten Bereichen.

Allein in der letzten Woche hatte ich vom Radiochef zum Restaurantbesitzer über den Charity-Verein bis hin zum Bällebad-Spezialisten gefühlt jeden mal am Telefon.

Das ist ja grade das tolle am Künstlermanagement – langweilig wird’s eigentlich nie. 

Ansonsten sind wir natürlich Ansprechpartner Nummer 1 für die Künstler*innen selbst – das ganze passiert im Falle unserer Agentur Pennywine Entertainment auf einer extrem persönlichen Ebene. So sind wir nicht nur in Sachen Business da, sondern eben auch, wenn privat mal der Schuh drückt – denn letztlich sind die Grenzen in der Arbeit mit Künstlern recht fließend. Ich bin der Überzeugung, dass ein gutes persönliches Verhältnis zu unseren Künstlern in der Zusammenarbeit essentiell ist.

 

2. Als Newcomer macht man meistens noch alles selber: Booking, Social Media, Promo, Finanzen, Verträge, etc.; irgendjemand aus dem Freundeskreis schießt die Pressefotos und kümmert sich vielleicht noch ums Artwork, wenn man Glück hat. Ab welchem Zeitpunkt ist es sinnvoll, über die Zusammenarbeit mit einem Management nachzudenken?

Ich denke, ein Management ist ab dem Zeitpunkt sinnvoll, ab dem der Entschluss feststeht, sich in seinem Dasein als Künstler*in professionalisieren zu wollen. In der Regel hilft es, wenn schon eine Handvoll Songs da sind, aber auch hier kenne ich Gegenbeispiele, bei denen Managements schon allein durch den puren Glauben an das Potenzial des Künstlers  früher eingestiegen sind.

Generell würde ich sagen: den perfekten, vorskizzierten Zeitpunkt gibt es nicht. Jedes Projekt ist anders und benötigt an einem anderem Punkt mehr Input. Manche Bands können direkt etwas Starthilfe gebrauchen, während andere Künstler sich sehr emanzipiert entwickeln und erst ab dem Punkt jemandem brauchen, an dem ihnen die Arbeit über den Kopf wächst oder große Angebote reinflattern.

Wichtig sind meines Erachtens nach drei Dinge:

Der Wille, sich zu professionalisieren, feste Zielsetzungen für das Projekt und die Bereitschaft, Aufgaben abzugeben & die Expertise von anderen anzunehmen.

 

3. Wie wichtig sind deiner Meinung nach Newcomercontests oder Förderprogramme wie der Bandpool für die Weiterentwicklung eines Artists und gibt es eine entscheidende Zutat, die Künstler*innen mitbringen müssen, um nachhaltig von solchen Initiativen profitieren zu können?

Ich glaube, hier kann man ein wenig differenzieren. Es gibt Förderprogramme und auch Contests, die Künstlern wirklich helfen können – und es gibt solche, bei denen es nur darum geht, Newcomer ein wenig ärmer zu machen. 

Ich selbst arbeite schon lange als Dozentin für den Bandpool und gebe dort meistens das Basiscoaching, sowie auch spezialisierte Einzelcoachings. Der Vorteil ist: es kostet die Band nichts, es gibt viele Dozenten aus der Musikbranche und speziell an die eigenen Bedürfnisse angepasste Coachings – vom Performance-Coaching zur Songwriting Session über Imageberatung. Weiterhin empfehlen kann man sicherlich auch den Popkurs. Ebenso kenne ich viele Bands, die eher positive Erfahrungen mit großen Contests gemacht haben – namhafte Contests, bei denen viele von ihren späteren Managern oder auch Labels entdeckt wurden. Abraten würde ich von all den Pay-to-Play Contests da draußen.  

Bands & Künstler, die sich für Förderprogramme wie den Bandpool anmelden, sollten sich professionalisieren wollen und bereit sein, Arbeit in ihr Projekt zu stecken. Es gibt immer wieder Bands, die an solchen Programmen zerbrechen oder Besetzungswechsel erleben, weil schnell auffällt, wer von ihnen wirklich bereit ist, langfristig viel Arbeit zu investieren. Natürlich ist eine gute Portion Talent Grundvoraussetzung – und, dass man offen ist, etwas zu lernen und anzuwenden. Interesse und Eigeninitiative zu zeigen ist mindestens genauso wichtig, wie sich mit den Dozenten und den anderen Bands zu vernetzen. Ein gutes Netzwerk ist Gold wert.  

  

4. Seit Jahren hören wir in der Musikindustrie immer öfter Unmut über die unfaire Verteilung z. B. von Führungspositionen zwischen Männern und Frauen oder dem ungerechten Geschlechterverhältnis in den Lineups mancher großen Festivals. In welchen weiteren Bereichen unserer Branche siehst du Nachholbedarf in Sachen Gleichberechtigung?

Dieses Thema ist ein Fass ohne Boden, über das ich stundenlang sinnieren könnte. Ich beschäftige mich schon seit Langem sehr intensiv mit der Thematik. Mir fällt generell schon auf, dass sich einiges tut und die Branche über das Thema Gleichberechtigung diskutiert. Das ist ein wertvoller erster Schritt. Insgesamt glaube ich, dass noch wahnsinnig viel getan werden muss. Ich höre noch immer so viele Leute sagen, es gäbe einfach nicht so viele gute oder “relevante” Musikerinnen. Spaßeshalber habe ich neulich mit einer Gruppe Frauen aus der Musikindustrie eine Liste gemacht und wir waren am Ende wirklich nahezu wütend, wie viele tolle, professionelle Musikerinnen einfach ungehört oder, in diesem Falle, “ungebooked” bleiben.

Wer behauptet, es gäbe in Deutschland nicht genügend “gute“ Musikprojekte von Frauen, der hat sich einfach nur noch nicht intensiv genug mit der Marterie auseinandergesetzt. 

Musikerinnen & Frauen in der Musikindustrie müssen einfach viel sichtbarer werden. Das können wir nur durch eine starke gegenseitige Unterstützung schaffen –  und zwar nicht nur unter unseresgleichen, sondern auch mit den anderen Geschlechtern.

Mir fällt im Allgemeinen immer wieder auf, wie viele Führungspositionen männlich besetzt sind, begleitet von weiblichen Assistenzen, die einfach nicht aufsteigen können. Das wird nicht nur deutlich in den Führungsetagen einiger Majors, sondern zeigt sich auch in kleineren Strukturen. Vor allem auf Tour oder wenn ich mit meinen Artists unterwegs bin, passiert es häufiger, dass mich einige Männer, bevor sie überhaupt mit mir gesprochen haben, erstmal nicht für voll nehmen oder für eine Assistenz halten – und dann lieber mit unserem Tourmanager oder Technikern reden, als mit mir. Nicht, weil sie mich absichtlich ignorieren – die meisten rechnen vielleicht einfach nicht damit, dass ihnen eine Frau mit Weisungsbefugnis gegenübersteht – weil es offensichtlich noch zu selten passiert. Einige meiner Kolleginnen kennen diese Situationen nur zu gut – und zwar aus allen Bereichen der Musikindustrie. Da hilft in der Regel nichts anderes als: Mund aufmachen und freundlich, aber bestimmt bleiben. Solche Situationen lösen sich dann oft schneller, als man denkt.

Es sind aber vor allem auch die Frauen selbst, die in dieser Thematik einen großen Nachholbedarf haben. Ich sehe es eher an meiner Generation, dass Frauen sich aktiver vernetzen, unterstützen und sich Erfolg gegenseitig gönnen. Mein Gefühl ist, dass die älteren Generationen in der Branche noch eher das Ellenbogengefühl in sich trugen und andere Frauen in der Männerdomäne eher als Gefahr angesehen haben. Glücklicherweise zeigt sich aber auch hier, dass sich die Situation langsam in eine positivere Richtung verschiebt – es gibt immer mehr Mentoring-Programme, in denen sich Generationen in der Musikindustrie ihr Wissen weitergeben und sich unterstützen. 

Das Problem ist vermutlich eher gesamtgesellschaftlich zu betrachten und geht mit der Zuschreibung bestimmter Eigenschaften zu den einzelnen Geschlechtern einher. Es ist vielen Frauen noch immer anerzogen, dass sie zurückhaltend, freundlich und genügsam zu sein haben. Solange diese untergeordnete Rolle gesellschaftlicher Konsens ist, kann sich nichts ändern. 

Mein Wunsch wäre, dass wir nicht auf das so oft skandierte “The Future is Female” hinarbeiten – sondern auf ein “The Future is Equal” – und zwar nicht nur für Männer und Frauen, sondern für alle Geschlechter, Herkünfte, sexuellen Orientierungen, Altersgruppen und so weiter. 

  

5. Wie finde ich als Artist die oder den passenden Manager*in für mein Projekt und welche Tipps für eine erfolgreiche Kontaktaufnahme kannst du unseren Spinnup-Artists an die Hand geben?

Im besten Fall wird man entdeckt und muss nicht erst Überzeugungsarbeit leisten. Dafür sollte man kreative Ideen haben, engagiert sein, gute Songs und vor allem Charakter haben. 

Wenn ihr aktiv Managements anschreiben wollt, achtet darauf, dass ihr sie wirklich persönlich abholt. Informiert euch vorher, wen ihr da eigentlich anschreibt, und ob die Person/Agentur generell zu euch passen könnte.

Niemand steht auf offensichtliche Massenmails, in denen womöglich auch noch vergessen wurde, die persönliche Ansprache auszutauschen. Schreibt keinen Roman, sondern einen kurzen, informativen Text darüber wer ihr seid, was ihr sucht und was ihr schon so gemacht habt.

Passt auf, dass ihr nicht das komplette Postfach eures Wunschmanagers mit riesigen Anhängen blockiert – setzt besser auf Links. Besonders toll finde ich immer, wenn ich auf eine Mikropage zugreifen kann, auf der ich Presseinfos, Highlights, Livetermine, Videos, Fotos und natürlich Songs finde. Das bedeutet nicht, dass ihr euch nicht melden dürft, wenn ihr noch kein Video habt. Wichtig ist nur, dass ihr euch Mühe gebt, möglichst professionell und ambitioniert rüberkommt und sympathisch seid. Verliert euch nicht in Floskeln – transportiert so viel von eurer Persönlichkeit wie möglich und fokussiert euch auf eure Stärken – und seid dabei auf jeden Fall ehrlich.  

Habt ihr einen potentiellen Manager an der Angel, versucht doch mal über eine Probezeit zu sprechen.

Eurem zukünftigen Manager vertraut ihr große Verantwortung über eure Karriere an, daher ist es wichtig herauszufinden, ob ihr am gleichen Strang zieht. 

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Sophie, vielen Dank für deine Zeit und das schöne Interview!

Schon entdeckt? in unserer Playlist zur Interviewreihe bei Spotify findest du neben aktuellen Releases von Spinnup-Künstlerinnen ab sofort auch fünf Lieblingstracks von Sophie Mathes. Die Playlist wächst mit jedem Teil der Interviewserie weiter – am besten gleich mal der Liste folgen.

Wer die anderen Teile unserer redaktionellen Reihe noch nicht gelesen hat, findet hier spannende Einblicke hinter die Kulissen von Spinnup – im Interview mit Georgie Koch.

Außerdem haben wir uns vor Kurzem mit einer der erfolgreichsten Songwriterinnen Deutschlands unterhalten – lest hier unser Interview mit Michelle Leonard.

Und wer schon immer mal Interessantes aus dem Alltag einer Festival-Bookerin erfahren wollte, kann hier nochmal unser Interview mit Annika Hintz vom MS Dockville Festival lesen.