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Female Voices: Philo Tsoungui, Schlagzeugerin

Jedes Jahr am 8. März feiern wir den Weltfrauentag. Manchmal ist auch die Rede vom Frauenkampftag, und das hat natürlich Gründe. Denn auch, wenn sich schon einiges getan hat und Festivals z. B. für ihre Line-Ups mehr weibliche Acts buchen als noch vor ein paar Jahren, liegt noch eine Menge Arbeit in Sachen Gleichberechtigung vor uns. Zeit, beeindruckenden Akteurinnen der Musikbranche das Wort zu geben und ihren spannenden Geschichten Gehör zu verleihen:

 

Female Voices – Philo Tsoungui, Schlagzeugerin

 

1. Du bist wahrscheinlich die bestgebuchte Drummerin dieses Landes und brillierst auf der Bühne mit unglaublichen Skills, wie man in den letzten Jahren auf den Tourneen von Mine, Chefket, Fatoni oder aktuell mit Tarek von K.I.Z bestaunen konnte. Wo hat alles angefangen – wie kamst du zum Schlagzeug?

 

Zum Schlagzeug kam ich letztlich tatsächlich auf Anraten meiner Mutter. Nach ein paar Jahren Klavierunterricht kamen wir irgendwann gemeinsam auf den Gedanken, dass ich das Instrument wechseln sollte. Sie schlug mir damals Schlagzeug vor und nach den ersten Stunden Probeunterricht war schnell klar, dass es das werden sollte. Ich hatte allerdings zunächst ausschließlich Unterricht in klassischem Schlagwerk, sprich im Orchester übliche Instrumente, wie Pauken, Stabspiele und natürlich Triangel. Das Drum Set wurde erst in den letzten 4 Jahren nach meinem Bachelor Abschluss in klassischen Schlagwerk zu meinem Hauptaugenmerk.

 

2. Bei Spinnup stehen vor allem Newcomer*innen im Fokus – unabhängige Artists, die meist ohne Label oder Management sind und sich vieles selbst beibringen. Würdest du sagen, es ist auch ohne Musikschule oder Studium möglich, gut Schlagzeug spielen zu lernen, z. B. nur anhand von Online-Tutorials? Welche Tipps hast du für die First Steps?

 

Ich glaube absolut daran, dass Ehrgeiz und Zielstrebigkeit auch ohne Institute und festgelegte Strukturen Großes bewegen und freisetzen kann. Mein Tipp wäre in jedem Fall, sich des Weges und der zu investierenden Zeit immer bewusst zu sein. Wir sind heutzutage mit einer derartigen Schnelligkeit und Fülle an Informationen konfrontiert, dass man mitunter Gefahr läuft, dem Lernprozess den man eingehen muss, wenn man etwas neues lernen möchte, mit einer gewissen Ungeduld zu begegnen. Alles muss irgendwie präsentierbar sein und uns Lorbeeren einbringen.

 

Stattdessen sollten wir den Dingen mit einer kindlichen Unschuld und Neugier begegnen, entkoppelt von der Möglichkeit sich mit allem immer auch ein Stück weit profilieren und produzieren zu können. Wenn man in all dem Überangebot an Tutorials und sonstigen Angeboten diese EINE Sache findet, die einen fesselt und begeistert, darf und muss man sich die Zeit geben, diese eine Sache bis zum Abwinken zu studieren, egal wie klein oder groß sie erscheinen mag. Ein fundiertes Wissen und fundierte Skills sind meiner Meinung nach der Schlüssel zu nachhaltigem Erfolg. Wie man dazu kommt sei aber dahin gestellt.

 

3. Wie stehst du zu programmierten Drums und Beats, die komplett am Computer entstanden sind und was ist deiner Ansicht nach die Magie an Live-Drums – sowohl im Studioprozess als auch auf der Bühne?

 

Ich liebe programmierte Drums. Zum einen liebe ich es, am Computer zu forschen, wie verschiedene Sounds miteinander agieren und den Groove mit nur einem Mausclick entscheidend verändern. Zum anderen begeistert es mich, verschiedene Wege zu finden, um Studioproduktionen live umzusetzen. Die Beats, die meist von Nicht-Schlagzeuger*innen im Studio entstanden sind auf Herz und Nieren zu untersuchen und für mich Wege zu finden, sie so detailgetreu wie möglich auf mein Instrument zu übertragen und ihnen, wenn möglich, ein klein wenig meiner Handschrift zu verpassen.
Genau so spannend ist es, mich im Studio am Instrument auch als eine Art „Drumcomputer“ zu verstehen und zusammen mit den Produzent*innen in die Tiefe zu gehen.
Live Drums fügen dem in jedem Fall ein hohes Level an Energie hinzu. Wie darauf das Publikum und die Künstler*innen selbst reagieren, die beide die Studioversionen der Songs gewöhnt sind, ist einfach jedes Mal wieder ein absolut magischer Moment für mich.

 

 

4. Apropos live: du bist unheimlich viel unterwegs. Wie sieht dein Touralltag aus und wie schaffst du es, neben all deinen Bookings noch für dich selbst zu spielen bzw. schon für die nächsten Gigs mit anderen Künstler*innen zu proben?

 

Ich versuche auf Tour immer „fit“ zu bleiben und habe da meine kleinen Übungsroutinen, die ich jeden Tag für mich mache. Wenn ich mich während einer Tour auf etwas anderes vorbereiten muss, übe ich meistens mental und höre mir die Songs einfach unentwegt an. So ist der Schritt um das Ganze am Instrument umzusetzen nur noch ein relativ kleiner. Ich liebe es, mich immer von einem ins nächste stürzen zu können und mich innerhalb kürzester Zeit auf die neuen Kontexte einzustellen. Ein relativ geregelter Tagesablauf auf Tour hilft da auch ungemein, um für all das genug Ressourcen zu haben.

 

5. Benachteiligung verstärkt sich bekanntlich intersektionell, d. h. eine weibliche Schlagzeugerin hat es in einer männerdominierten Branche per se schon schwerer, sich gegen männliche Drummer durchzusetzen; wenn man aber zusätzlich von (Alltags-)Rassismus betroffen ist, verstärken sich die Diskriminierungen nochmal wechselseitig. Woher nimmst du deine Stärke, diesem Bulls**t entgegenzutreten?

 

Ich glaube die Stärke kommt in erster Linie daher, dass ich es einerseits nicht anders kenne, ich also sehr trainiert im Umgang damit bin, und sich meine Community andererseits immer hörbarer macht. Den Kram, den ich in meinem Leben schon für mich verpacken musste jetzt mit immer mehr Menschen mit ähnlicher Geschichte teilen zu können, ist einfach unfassbar heilsam. Und stärkt auf der anderen Seite natürlich ungemein.
Ich persönlich bin erst seit ca. 3 Jahren in einer Umgebung, die mich zu 100 Prozent akzeptiert. Als queere PoC aus Ostdeutschland weiß ich wie es ist, jahrzehntelang verzweifelt zu versuchen den Erwartungen gerecht und mit einer großen Ablehnung konfrontiert zu werden. Der Schmerz von Menschen, die sich verzweifelt versuchen anzupassen ist mit Sicherheit genau so groß wie der von denjenigen, die wissen, in welchen oktroyierten Korsetten sie versuchen müssen ihren Weg zu gehen und sich dagegen wehren.
Ich hätte als Kind und Jugendliche diese eine Person gebraucht, die mir aus der Seele spricht, die meinen Kampf kennt und die mir aufzeigt, dass dieses Leben nicht „normal“ ist. Wenn ich für jemanden anderen diese Person sein kann, ist das ebenso eine wahnsinnige Motivation weiterhin den Mund auf zu machen und meine Geschichte zu erzählen.

 

6. Wie schaffen wir es in der Branche, mehr weibliche Nachwuchsartists zu empowern und ihnen Mut zu machen, z. B. selbst ein Instrument zu erlernen und der eigenen Musik Form und Gestalt geben zu können?

 

Ich denke durch genau das, was hier passiert: sichtbar und hörbar machen. Manchmal braucht es diese eine initiale Geschichte in der man sich wieder erkennt, um die finale Motivation und Energie aufzubringen.

 

Vielen Dank für das tolle Gespräch und die bewegenden Einblicke, Philo!

 

(c) Fotos: Norman Keutgen

 

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