Introducing DE

Female voices: Michelle Leonard, Songwriterin und Produzentin

Im zweiten Teil unserer Reihe sprechen wir mit einer mehrfach mit Awards überschütteten und mit dutzenden Charterfolgen gesegneten Songwriterin und Producerin, deren Werke du garantiert auch schon mal im Radio gehört hast:

 

Michelle Leonard

 

1. Michelle, neben etablierten Stars arbeitest du auch mit Talenten zusammen, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Gerade wieder hast du mit Spinnup-Artist Lxandra an neuen Songs geschrieben, auch an ihrem ersten Hit „Dig Deep“ warst du beteiligt. Was ist das Besondere daran, Newcomer von ihren First Steps an auf dem Weg zum großen Hit zu begleiten?

Es macht mir Spaß, mit jungen Talenten zu arbeiten und ihnen zu helfen, ihr Künstlerprofil und ihren eigenen Stil zu entwickeln. Es ist die schönste Herausforderung, sie an die Hand zu nehmen und mit ihnen zu arbeiten, bevor sie die großen Bühnen erreichen und wenn unsere Arbeit dadurch Türen öffnen kann.

Als eine Frau, die viele Jahre im Musikgeschäft als Songwriterin und Künstlerin tätig ist, habe ich eine Art “Beschützerinstinkt” entwickelt, da ich nicht will, dass junge Künstler*innen die gleichen Konflikte durchmachen müssen wie ich oder ihre Zeit verschwenden. Ich sehe meine Zusammenarbeit mit Newcomern nicht wie eine gewöhnliche Songwriting-Session, sondern als eine Artist-Profiling-Session, die darauf abzielt, mit ihnen diesen einen “großen” Song zu schreiben.

Ich bin in vielerlei Hinsicht gesegnet, welch außergewöhnliche Künstler*innen meinen Weg gekreuzt haben, wie Lxandra, AURORA, Debrah Scarlett, lilly among clouds, Alice Merton, etc. Sie sind alle großartige Talente und ich bin froh, dass ich mit ihnen schreiben und sie auf ihrem Weg begleiten kann. Einige Songs wurden zu deren ersten großen Singles wie “Running With The Wolves” für AURORA oder “Dig Deep” für Lxandra.

Natürlich schreibe ich auch mit Männern zusammen… 😉 Ich habe vor Kurzem einen Platin-Award für Nico Santos’ “Rooftop” erhalten.

Ich möchte hinzufügen, dass die meisten Songs in Co-Writings entstehen und dass wir in der Regel ein Team von drei Personen sind: Artist, Produzent*in und ich selbst. Beim Songwriting geht nichts über die Zusammenarbeit und das gemeinsame Spielen. Meine Stärke liegt vor allem im Toplining, das sich auf Melodien und Texte konzentriert.

Im Laufe der Jahre wollte ich auch von der “anderen Seite” des Business helfen. Vor einiger Zeit gründete ich mit UMPG (Universal Music Publishing Group) die Edition Dolsira, dessen erklärtes Ziel es war, mehr Frauen in die Branche zu bringen – ich signte u. a. Elif (“Unter meiner Haut”), Alina (“Die Einzige”), mit der ich immer noch zusammenarbeite und Betty Dittrich, die by the way eine großartige Produzentin ist.

Nun habe ich eine weitere Edition mit BMG namens EERA gegründet wo wir uns eher auf den internationalen Markt konzentrieren wollen und ich unterstütze Künstler wie Dillistone & Venior und Julian, von denen wir hoffentlich noch viel hören werden.

Ich liebe es einfach, neue Talente zu entdecken und mit ihnen zu arbeiten!

 

2. Bei internationalen Songwriting-Camps, wo innerhalb weniger Tage oft mehrere Hits entstehen, arbeiten die unterschiedlichsten Talente aus dem Bereich Songwriting und Producing zusammen. Gibt es eine feste Routine, nach der du bei deiner Arbeit vorgehst?

Mittlerweile kann ich aus zeitlichen Gründen nicht mehr an allzu vielen neuen Songwriting-Camps teilnehmen, weil ich sehr fest im Writing-Prozess bei den Artists eingebunden bin, mit denen ich langfristig arbeite. Daneben gibt es ja noch mein Künstlerprojekt Solamay – all das, meine Editionen und meine Tätigkeit als Dozentin lassen mir wenig Zeit. Ich würde allerdings jedem angehenden Songwriter raten, so viele Camps wie möglich mitzumachen, da es unerlässlich ist, seinen “Tribe” zu finden. Und man kann aus ihnen gute Ergebnisse ziehen: Meine zweite Nummer-1-Single kam aus einem großen Songwriting-Camp und viele Türen öffneten sich dadurch für mich, wofür ich auf ewig dankbar bin!

Gelegentlich mache ich noch Songwriting-Camps mit – ich war gerade bei einem in London dabei, für einen großen internationalen DJ, das hat echt Spaß gemacht. Ich habe keine feste Routine, sondern folge einfach meinem Bauchgefühl.

Ich stelle mir die Frage: wer kann welche Aufgabe am besten umsetzen im Team?

Und dann geht es darum, die einzelnen Stärken im Team zu bündeln und zu wissen, was deine Rolle darin ist. Songwriting ist ein People’s Business – meistens klickt es und es entsteht etwas Gutes dabei, manchmal jedoch (zum Glück sehr selten) tut es das nicht und dann muss man es als das ansprechen, was es ist. Ich arbeite (wie oben schon beschrieben) am liebsten in einem Dreierteam – zusammen mit einem Produzenten und dem Artist. Das magisches Dreieck. ∆

 

3. Abgesehen von wenigen großen Producerinnen, die sich international einen Namen machen konnten, ist dieser Platz im Studio noch fast immer von einem Mann besetzt. Wir freuen uns daher, mit dir nicht nur eine ausgewiesene Songwriterin, sondern auch eine Produzentin im Gespräch zu haben. Was kann/muss deiner Meinung nach getan werden, damit es in Zukunft mehr weibliche Producer gibt? 

Ich bin seit meinem 15. Lebensjahr in der Musikindustrie und froh, immer eine klare Haltung und Stärke gezeigt zu haben, die mich vor schlimmeren Begegnungen schützte – ich wusste, dass ich talentiert war und die Kraft besaß, für mich selbst einzustehen – das Geschäft war damals wirklich männlich dominiert und ich habe natürlich Unterschiede bei Verträgen, Deals oder Möglichkeiten festgestellt, möchte aber nicht zu sehr in der Vergangenheit wühlen. Wo Männer als mutig und willensstark gegolten hätten, wurde ich als schwierig bezeichnet, etc.

Es brauchte eine lange Lernkurve. Ich hatte jedoch immer großes Glück mit meinen Geschäftspartnern auf der Verlagsseite und in den letzten Jahren ist insgesamt viel passiert: Die Geschäftsführerin meines Verlags BMG ist eine Frau, meine A&R-Managerin ist eine Frau, ich selbst leite meine eigene Verlagsedition. Ich reise viel und treffe viele Geschäftsleute aus der Branche – Manager, etc. – und es fängt an sich auf der Businessseite wirklich auszugleichen.

Ich habe in der Vergangenheit mit vielen weiblichen Produzenten zusammengearbeitet, da ich meine großen Stärken im Toplining (Melodie und Texte) und im Konzipieren sehe. Ich finde es wirklich interessant, wenn Leute von der Businessseite der Branche automatisch fragen, wer der Produzent war – sie erwarten meistens einen Männernamen und sind überrascht, wenn ich einen weiblichen Namen nenne: Frauen werden immer selbstbewusster und technisch versierter und es gibt viele, die in ihrer Arbeit einfach unglaublich gut sind.

Ich hoffe, dass sich eine echte Sisterhood entwickelt zwischen Frauen, die ganz oben im Game mitspielen, sich gegenseitig helfen und unterstützen: Ich denke, dass wir alle gemeinsam auf dem richtigen Weg sind.

Deals und Vorschüsse sollten sich danach richten, wie gut du deine Arbeit machst, und nicht nach deinem Geschlecht.

Ich rate allen: Seid kreativ, bringt eure Musik auf den Markt. Vernetzt euch.

 

4. Neben der Komposition eines Songs spielt der Text meistens eine mindestens genauso große Rolle, vor allem im Pop. Eine Frage an dich persönlich: sind die Themen Liebe, Eifersucht, Herzschmerz und Neubeginn nicht schon längst auserzählt? Und gibt es ein spezielles Thema, das du noch nie in einem Song verarbeitet hast?

Hier funktioniert mein Zwiebel-Beispiel ganz gut:

Menschen haben viele verschiedene Ebenen von Emotionen: Wir alle teilen die “offensichtlichen” Gefühle wie Liebe, Verletzbarkeit, Herzschmerz – all das oben Erwähnte. Diese Geschichte ist die älteste im Buch und sie wird immer relevant sein – denn wir alle wissen, wie sie sich anfühlt. Als Songwriter kannst du dich anhand deiner Texte bis zum Kern hindurch schreiben.

Bei gemeinsamen Writing-Sessions teste ich, wie weit ich mit den Künstlern, mit denen ich zusammenarbeite, in die Tiefe gehen, also wie viele Zwiebelschichten ich durchdringen kann – je nach Persönlichkeit, deren Visionen, der Frequenz, der Stimme, dem jeweiligen musikalischen Stil und der Message. Das kann auf spiritueller, philosophischer, experimenteller oder spielerischer Ebene passieren. Du kannst dich wirklich durch alle Schichten dieses Universums arbeiten und jede einzelne ist schön und aufregend. Mit endlosen Farbschemen, Themen, Noten, Atmosphären und Sounds.

Die Vorstellung, dass die von mir mit anderen zusammen geschaffene Musik veröffentlicht wird – mit all der Energie, die auf Tanzflächen, Festivals, aus dem Radio zu Hause und durch die Köpfe derjenigen fließt, die sich mit der Musik beschäftigen und währenddessen nachdenken, tanzen, weinen, verstehen etc. – ist einfach erstaunlich und überwältigend.

Das Tolle am Leben ist, dass in allem was so passiert Material für einen Song lauert, worüber ich/wir morgen schreiben werden.

 

5. Kreative Menschen haben, wie überall im Leben, mal einen richtigen Lauf und sind unfassbar produktiv und dann gibt es wieder Phasen, in denen so gar nichts gelingen will. Wie umgehst du Schreibblockaden und welche Tipps kannst du uns geben?

Ich lehre an der Popakademie in Mannheim und gebe zudem viele Workshops weltweit. Diese Frage stellt sich oft. Ich glaube wirklich, dass du extrem vorsichtig mit deiner Energie- und Arbeitsbalance umgehen und auf dich selbst aufpassen musst. Man kann die Kerzen nicht von beiden Seiten verbrennen – also je mehr Stress ich persönlich habe, desto mehr muss ich auf mich selbst und meine Gesundheit Acht geben.

Ich weiß, dass viele Songwriter und Künstler extreme Tendenzen haben in ihrer Arbeitsweise, also müssen wir in uns selbst hinein hören und manchmal auch ‘nein’ sagen zu dieser bevorstehenden Party und stattdessen chillen und regenerieren. Ich persönlich versuche, mich gesund zu ernähren und manchmal in einen – wie ich es nenne – Einsamkeitsmodus zu gehen, was bedeutet, das Gehirn und den Geist zu füttern und meine Ohren dabei ruhen zu lassen. Ich kann tagelang für mich sein, ohne jemanden zu sehen oder Musik zu hören: Ich fülle in dieser Zeit meine Ideenbücher und investiere in meine Kreativ-Bibliothek. Gleichzeitig kategorisiere ich diese Ideen schon nach Künstlern, für die ich arbeite.

Es gibt Methoden, die ich lehre, bei denen es um Schreibblockaden geht. Die Wahrheit ist, dass in allem Inspiration liegt und man die Brücke zwischen den täglichen Kämpfen und dieser Quelle der Kreativität finden muss, in die man jederzeit eintauchen kann. Vielleicht ist es nicht immer das beste Material, was entsteht. Aber manchmal muss man diesen Weg einschlagen, um an einem aufregenden und neuen kreativen Ort zu landen. Man darf sich selbst einfach nicht gleich aufgeben und sich nicht zu sehr vom Business unter Druck setzen lassen. Lies Bücher und Gedichte, schaue Filme und Dokumentationen, beschäftige dich mit Philosophie, etc. Werde eins mit dem, was dich und deinen Stil ausmacht.

Es ist Platz für jeden von uns da draußen.

—–

Michelle, vielen Dank für das inspirierende Gespräch!

Übrigens: in unserer Playlist zur Interviewreihe bei Spotify findest du neben unseren aktuellen Lieblingssongs von female Spinnup-Artists ab sofort auch fünf Songs von Michelle Leonard. Die Playlist wächst mit jedem Teil der Interviewserie weiter – am besten gleich folgen.

Wer den Start unserer Serie verpasst hat, erfährt hier spannende Einblicke hinter die Kulissen von Spinnup – im Interview mit Georgie Koch.