Introducing DE

Female voices: Annika Hintz, Head of Booking

Für Teil III unserer Interviewserie haben wir uns mit einer ausgewiesenen Expertin aus dem Live-Sektor unterhalten – sie ist seit über 11 Jahren im Geschäft und als Head of Booking u. a. für das fette Line-up beim MS Dockville Festival in Hamburg verantwortlich:

Annika Hintz

 

1. Annika, das MS Dockville zählt zu den beliebtesten Festivals hierzulande und bietet immer eine exzellente musikalische Auswahl aller derzeit relevanten Genres. Wie lautet dein Geheimrezept, teilweise schon ein Jahr im Voraus zu wissen, was in der kommenden Saison die Must Sees sein werden?

Ich vermute, dass es mit einer bestimmten musikalischen Auffassungsgabe verbunden ist, was jedoch nicht heißen soll, dass der Fleiß im Hintergrund steht. Ohne das Interesse, stets „auf dem Laufenden“ zu bleiben und sehr genau zu beobachten, geht es nicht. Das bedeutet also sehr viel Musik zu hören, was bei all den Plattformen und dem hohen Output an Musik, den es mittlerweile gibt schon sehr viel Arbeit ist. Bei solch einem emotionalen Thema ist ein gewisses Gespür, eine “Gabe”, Trends mitunter früher zu erkennen als andere auf jeden Fall von großem Vorteil. 

 

2. Auch unter den bisher veröffentlichten Headlinern fürs MS Dockville 2019 finden sich einige spannende Female Acts wie Mine oder Aurora: wie stehst du zu dem Vorstoß, den Festivals wie das Primavera Sound in Barcelona unternehmen, mindestens die Hälfte ihres Lineups mit Künstlerinnen zu besetzen?

In der kleinen Auflistung muss noch Billie Eilish erwähnt werden, die wohl aktuell die größte „Newcomerin“ ist und sehr hervorsticht. Nicht ohne Grund wird sie das Dockville headlinen. Ich finde gut, dass all diese genannten Künstlerinnen nicht auf ihr Körperbild reduziert werden, was bei Female Acts – und bei Frauen im Allgemeinen  – noch viel zu oft passiert. Im Vordergrund steht klar ihre Musik, ihr künstlerisches Schaffen. Es gibt noch viel zu tun im Bereich der Gleichberechtigung, ich habe aber derzeit das Gefühl, dass ein Wandel stattfindet. Zwar ist man noch nicht bei 50/50 in der Branche angekommen, aber es wird besser. Auch besser, weil das Thema präsenter ist, es gibt ein Gefühl in der Branche dafür, dass viele Lineups zu männerdominiert sind. Ich möchte das Thema aber nicht in schwarz und weiß sehen. Es gibt sehr viele Faktoren, warum ein Lineup aussieht, wie es am Ende aussieht. Ich denke hierbei nicht, dass ein*e Booker*in absichtlich weibliche Acts ausschließt, weil er/sie diese weniger schätzt. Ich zumindest arbeite so nicht. Trotz allem fällt auf, dass die Auswahl an weiblichen Acts im Vergleich zu männlichen Acts begrenzter ist. Vor kurzem las ich, dass nur rund 5% der „anerkannten“ Produzent*innen und DJs weiblich sind.

Es ist also ein gesamtgesellschaftliches Thema. 

 

3. Wie viele Sparten der Musikindustrie ist auch der Festivalbereich hinter den Kulissen teilweise noch recht männerdominiert. Gab es schon mal Diskussionen mit Kollegen, die dich als Frau in deiner Position unterschätzt haben und wenn ja, wie konterst du in solchen Situationen? 

Ich bin sehr jung mit 16 Jahren in die Musikbranche “eingestiegen” und hatte das Glück, dass ich auch immer mit Frauen in leitenden Positionen zu tun hatte. Auch in Positionen, die als “Männerdomäne“ wahrgenommen werden, etwa die Festivalproduktion. Sicherlich war es auch gut, dass ich mit der Firma “mitgewachsen” und nicht in bereits gefestigte Strukturen gekommen bin.

Da man beim Booking sehr viel per Mail kommuniziert, wird man dadurch schon einmal nicht durch sein Äußeres beurteilt, was mir als junge, zierliche Frau vielleicht “in die Quere” gekommen wäre. Mich haben die allermeisten Booker*innen im Grunde erst zu Gesicht bekommen, als sie mich und meine Arbeitsweise bereits kannten und dadurch ein “Bild” von mir hatten. Auch der Gründer vom Dockville hat mich immer sehr mit Respekt behandelt und mein Talent erkannt. Ich kann mich nicht erinnern, aus der Branche von extern oder intern das Gefühl vermittelt bekommen zu haben, unterschätzt zu werden. Eher im Gegenteil.

Auffällig war allerdings, dass meine Studienkolleg*innen (ich habe zu Beginn neben der Arbeit noch studiert und damit eine hohe Doppelbelastung gehabt) meinen Job größtenteils unterschätzt und als “Nebenjob” wahrgenommen haben. Diese Klischees gelten nach wie vor in einem sehr großen Ausmaß. Die Annahme, die mir nach wie vor am meisten begegnet, ist die, dass ich das “ja wohl nicht das ganze Jahr über mache”.

Der Umfang des “Festivalmachens” wird – auch in Sachen wirtschaftliches Risiko, das dabei eingegangen wird – unterschätzt und meiner Meinung nach vom Publikum zum Teil zu wenig hinterfragt.

Das „Festivalmachen“ als kulturelle Leistung wird dabei von vielen auch zu wenig wertgeschätzt.  

 

4. Bands und Künstler*innen, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen, kümmern sich meist selbst um ihr Booking. Welche typischen Fehler machen noch unbekannte Artists häufig in ihren Auftrittsanfragen und was könnten sie deiner Ansicht nach besser machen?

Bookerinnen und Booker sind genauso wie Labels oder Manager*innen immer auf der Suche nach neuen Talenten. Sie werden auf gute Musik aufmerksam werden. Es gilt also sich vor allem dem zu widmen, worum es hauptsächlich gehen sollte: der Musik!

Das wichtigste ist, Geduld zu haben.

Ungeduld und drängelndes Nachfragen zum Beispiel in Form von “Bandbewerbungen” hilft meist weniger. Dennoch ist es sicherlich hilfreich, eine gewisse Präsenz, ein Auftreten zu haben. So ist auch eine sichtbare, gute Interaktion mit Fans wünschenswert. Denn am Ende sind es diese, die die Band/den Act tragen. 

 

5. Welchen ultimativen Tipp kannst du noch unbekannten Bands geben, wie sie an einen der begehrten Slots auf einem Festival kommen?

Ich habe leider keinen ultimativen Tipp, aber am Ende geht es nicht darum, das Rad neu zu erfinden. Wer es schafft, in dem was er tut, eine eigene Handschrift – in welchem Bereich seiner kreativen Arbeit auch immer – zu entwickeln, der wird es leichter haben, von Booker*innen gefunden zu werden.

 

Vielen Dank für deine Zeit und das tolle Gespräch, Annika!

Schon gesehen? in unserer Playlist zur Interviewreihe bei Spotify findest du neben unseren aktuellen Lieblingssongs von female Spinnup-Artists ab sofort auch fünf Tracks von Annika Hintz. Die Playlist wächst mit jedem Teil der Interviewserie weiter – am besten gleich folgen.

Wer die anderen Teile unserer redaktionellen Reihe noch nicht gelesen hat, findet hier spannende Einblicke hinter die Kulissen von Spinnup – im Interview mit Georgie Koch.

Außerdem haben wir uns letzte Woche mit einer der erfolgreichsten Songwriterinnen Deutschlands unterhalten – lest hier unser Interview mit Michelle Leonard.